Archive for Februar, 2009
Tjäna!
Na, wie oft hat es im Januar in Deutschland schon geregnet? Mehr als fünf Mal? Haha. Nicht so hier. Südschweden hat offenbar mit Petrus einen Hochdruckgebiet-Deal auf Lebenszeit abgeschlossen. Wenn bisher Niederschlag vom Himmel gekommen ist, dann ausschließlich in kristalliner Form. So auch heute wieder, wie das Bild in den Innenhof meines Studentenwohnheims eindrucksvoll zeigt.
Hoffen wir, dass der Preis für den Winter-Deal nicht ein verregneter Sommer ist.
In genau dieses Wohnheim namens Delphi (es gibt auch noch eins mit Namen Sparta - ich warte auf das erste Abendessen, das dort stattfindet, damit ich endlich den “Spartans! Tonight we dine in hell!”-Witz bringen kann) bin ich jedenfalls Anfang der Woche umgezogen. Wohnheim ist untertrieben, autarke Studentenstadt trifft es besser. Statistisch gesehen leben über 3% der gesamten Bevölkerung Lunds in Delphi. Deshalb gibt es hier auch ein Schwimmbad, ein Fitnessstudio, eine Pizzeria, einen Pub und einen Supermarkt in unmittelbarer Nähe. Weitere logisch naheliegende Konsequenz: Es vergeht kein Wochenende ohne eine saftige Flurparty in Kriechdistanz.
In meiner alten Bude war letzte Woche für drei Tage das Internet im Eimer. Das verwundert vor allem vor folgendem Hintergrund: Wenn irgendwas online erledigt werden kann, erledigt ein Schwede es online. Das ging schon in Deutschland bei der Einschreibung für die Uni los, setzt sich fort beim Aufladen von Telefon- oder elektronischen Busfahrkarten (noch so ein beliebtes Schwedenhobby) und kulminiert schließlich im Reservieren der Waschmaschinenzeiten im Wohnheimkeller:
Interessant ist auch das Angebot der Stadtbücherei. Ich wollte mir ein wenig britische Zerstreuungsliteratur ausleihen und rannte stattdessen beinahe das Regal für deutschsprachige Autoren um. Sollte sich ein Schwede allerdings anhand dieses Regals einen Überblick über den Stand der Literatur aus dem Land der Dichter und Denker machen - er wäre leicht irritiert. Einem einzigen Band von Goethe standen sieben Bücher von Elke Heidenreich gegenüber, und während Schiller gar keine Aufnahme in den erlesenen Zirkel fand, war Petra Hammesfahr mit gleich vier langweiligen Krimis vertreten. Dafür war das englische Regal dann ganz ordentlich sortiert, und außerdem ist die Mitgliedschaft ein geschenkter Gaul.
Meine Vorlesungen (Ich studiere tatsächlich noch!) finden übrigens derweil im erlesenen Ingvar Kamprad Design Center statt. Das bedeutet zwar nicht, dass wir in den Veranstaltungen auf Poäng-Sesseln schaukeln oder die Gardinen aus Stoff Hedda Blom (ein großartiger Bettbezug übrigens) geschnitten sind. Aber der gute Ingvar hat zumindest bei der Fassadengestaltung seine tattrigen Finger im Spiel gehabt, in einem Maße, dass man sich vor lauter Teakholz und Glas wie in der Gartenmöbelabteilung des Ikeakatalogs fühlt. Die Veranstaltungen selber drehen sich um Analysemethoden für Luftverschmutzung und sind zu 50% ein Beweis dafür, dass doch nicht jeder Schwede perfekt englisch spricht. Herr Anders Sowieso macht jedenfalls auffallend häufig Gebrauch vom zuverlässigen Universalwort “thing”.
Eine weitere Vorliebe der Schweden ist übrigens das biedere Anstellen. Der alte Witz “Was machst du, wenn du in der Wüste eine Schlange siehst?” - “Na, ich stell mich hinten an!” muss von einem Wikinger erfunden worden sein. Ob beim Metzger, ob bei Behördengängen, überall zieht man eine Nummer und reiht sich ein wie auf einem Fließband. Die schönste Episode diesbezüglich habe ich beim Umzug nach Delphi erlebt: Der Bus traf an der Haltestelle ein, alle Türen öffneten sich und luden zum Einstieg in die warme Heizungsluft. Nur nicht die vordere, da der Fahrer erst noch die Quittungspapierrolle wechseln musste. Ich kümmerte mich nicht weiter drum, wuchtete mein Gepäck durch die mittlere Tür, steckte meine Karte ins Lesegerät und machte mich breit. Doch niemand folgte mir! Die braven Schweden warteten beharrlich in einer locker zehn Menschen zählenden Reihe im -30° kalten, jede Beaufortskala sprengenden Wind vor der Fahrertür! Und als sie eingestiegen waren, lächelten sie mich ob meines Berges aus Taschen und Tüten an. Ich erntete nichtmal böse Blicke für mein rüpelhaft verfrühtes Bus-Boarding. Moralisch erhaben, freundlich gesinnt und nachsichtig sind sie also auch noch. Als wäre es nicht genug, dem gemeinen hässlichen Kontinentaleuropäer die genetische Überlegenheit sowieso schon an jeder Straßenecke um die Ohren zu hauen. Eine der stets überdachten und windsicher gebauten Bushaltestellen nennt sich übrigens “Smörlyckan” - übersetzt Butterglück. Na herzlichen Glückwunsch.
Der gestrige Abend hielt, um jetzt einen elliptischen Bogen zur Überschrift zu schließen, ein Massen-Sauna-Event bereit. Schon mal 50 schwitzende Mittzwanziger beider Geschlechter, verteilt auf drei Etagen, in einem hölzern getäfelten Raum gesehen? Es sieht von außen aus wie ein schlechter Freie-Liebe-Porno aus den Siebzigern. Ohne das Gestöhne natürlich. Aber dafür hatten wir Bier, das famose erste Album von Röyksopp im wasserdichten Sauna-CD-Player und Schnee zum Abkühlen auf dem angeschlossenen Balkon. Es war, um das häufig überstrapazierte und überflationär gebrauchte Adjektiv endlich mal in einem passenden Rahmen zu benutzen - “awesome”.
Ich muss nun flugs einen der grünen, umweltfreundlichen Stadtbusse erwischen, um noch schnell in den Systembolaget, den staatlichen Alkostore, zu kommen. Der lässt hier zu wahrlich unchristlichen Zeiten die Jalousien runter: wochentags um 18, samstags um 15 Uhr! Kein Wunder, dass die Schweden sich den ganzen Scheiß selber aus Haushaltsabfällen brennen.
Ich habe des weiteren ein Online-Fotoalbum eingerichtet, wo ich hin und wieder mal ein paar Schnappschüsse hochladen werde.
Das hier ist die Adresse: http://picasaweb.google.com/schorschinho/
Macht es gut, meine Lieben!